Eis und Feuer im August

Island · Ring-road Roadtripp · August 2023

Eis und Feuer im August

Zwölf Tage Roadtrip: Silfra-Schnorcheln zwischen Kontinentalplatten, Inside the Volcano, Diamond Beach, Walbeobachtung in Húsavík, Sky Lagoon zum Ausklang.

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Island im August: Mitternachtssonne ist vorbei, Polarlicht noch nicht da, dazwischen liegen elf Stunden echtes Tageslicht und drei Stunden Dämmerung, in der irgendetwas immer nach Geschichte aussieht.

Nur viereinhalb Stunden Flug, und wir sind im Land aus Feuer und Wasser. Schon der Anflug ist eindrücklich: zerklüftete Küsten, Kraterfelder, ein Land, das aussieht wie ein anderer Planet. Wir machen die Ring Road — viel herumreisen, viel erleben, trotz Ferien nicht ganz so viel erholen.

Zwölf Tage, sechs Quartiere, eine Verlobung am schwarzen Strand. Und am Ende, in der Hand: ein Ring, der nicht mehr abgeht.

01 6.–10. August 2023

Reykholt — Blackwood Cottage

Erstes Quartier ist nicht Reykjavík, sondern ein süsses Häuschen östlich der Hauptstadt: das Blackwood Cottage, ein Airbnb mit weitem, schönem Land drumherum. Vier Nächte, von denen jede Tagesausflüge in eine andere Richtung erlaubt.

Ankunftstag, der 6. August: noch kurz in den Geothermal Park Hveragarðurinn — heisses Wasser kocht mitten im Dorf aus dem Boden, daneben Tomaten und Bananen in Gewächshäusern, beheizt von der Erde selbst. Ein erster Vorgeschmack darauf, wie nah hier alles am Vulkan liegt.

Tag zwei: Golden Circle. Þingvellir — wir laufen durch den Spalt, in dem die nordamerikanische und eurasische Platte auseinanderdriften, zwei Zentimeter pro Jahr. Geysir und Strokkur — eigentlich verwechselt man die Namen, aber niemand korrigiert dich. Strokkur bricht alle paar Minuten aus, mit der Pünktlichkeit einer Schweizer S-Bahn. Gullfoss zum Abschluss: zweistufiger Wasserfall in einer Schlucht, Sprühregenbogen oben, kalte Hosenbeine unten. Dazu der Kerið-Krater, ein blauer See in einem rotbraunen Rand. Und tiefer ins Hochland: Háifoss, ein 122 Meter hoher Wasserfall, dessen Existenz man fast vergisst, weil ihn weniger Reisebusse erreichen.

Am 8. August um zwei Uhr nachmittags: Schnorcheln in der Silfra-Spalte. Glasklares Gletscherwasser zwischen den beiden Kontinentalplatten, zwei Grad Celsius, Trockenanzug bis ans Kinn. Sicht: gefühlt 100 Meter. Die Felsen unter einem leuchten in einem Blau, das nicht aussieht wie Wasser, sondern wie ein Filter über dem Bewusstsein.

Tag vier ist der Tag der Superlative. Morgens um neun: Inside the Volcano. Wir fahren mit einem Aufzug 120 Meter in den Schlot eines schlafenden Vulkans hinunter — Þríhnúkagígur, eine der wenigen Magmakammern der Welt, in die man hineinsteigen kann. Die Wände sind rot, gelb, grün, schwarz, in der Stille hört man das eigene Herz. Niemand sagt etwas, das ist üblich hier unten. Nachmittag in Reykjavík: durch die Gassen schlendern, Kaffee, ein bisschen Stadt. Abends um sieben: Helikopter-Flug. Wir kreisen über den noch rauchenden Vulkan, über Kraterlandschaften und Lavafelder, die wie verkohlte Bettlaken aussehen. Zwischendurch ein Spa-Tag, weil der Körper auch mal aufhören muss zu staunen.

02 10.–12. August 2023

Vík — Farmhouse Lodge

Am 10. August Abfahrt nach Süden. Der Weg zieht sich — durch nicht endende Weiten von Lavafeldern, Geröllwüsten und grünen Wiesen. Abwechslung wird grossgeschrieben: erst ist es kalt, dann scheint die Sonne und wir sind im T-Shirt, dann schüttet es aus Eimern. Vier Jahreszeiten an einem Tag, hier Alltag.

Bei Vík schlafen wir in einem Glamping-Zelt der Farmhouse Lodge. Klingt gut, sieht gut aus, ist nicht erholsam. Der starke ewige Wind macht das Zelt laut und nicht wirklich gemütlich. Dafür: heisse Quellen am Abend, Lammeintopf am Tisch, am Morgen ein Schaf-Geräusch, das das Zelt rüttelt.

Reynisfjara: schwarzer Strand, Basaltsäulen wie Orgelpfeifen, Wellen, die mit einer Beleidigtheit ankommen, als wäre Land grundsätzlich ein Missverständnis. Schilder warnen vor „Sneaker Waves" — hinterhältige Brecher, die regelmässig Touristen mitnehmen. Wir bleiben mit Abstand zum Wasser. Direkt daneben die Hálsanefshellir-Höhle: eine Grotte aus geometrisch perfekten Basaltsäulen.

Eine Stunde später das DC-3-Wrack auf Sólheimasandur — ein Flugzeug, das 1973 abstürzte (alle überlebten) und seither im schwarzen Sand liegt wie ein verlassener Wal. Vier Kilometer Marsch über einen Schwarzplaneten, Wind in den Ohren, am Ende ein verbeulter Aluminiumkörper. Dann Hjörleifshöfði — die „Yoda Cave", deren Eingang aussieht wie der Kopf eines kleinen grünen Lehrmeisters. Star-Wars-Witze sind hier obligatorisch.

Der Tag davor: Skógafoss, 60 Meter hoch und so direkt anlaufbar, dass die Hose nass wird, ob man will oder nicht. Dyrhólaey, der Felsbogen mit Puffins in den Klippen. Und auf dem Weg Seljalandsfoss — der ultimative Märchen-Wasserfall, hinter dem man durchgehen kann.

Geiles Essen überall: Meeresfrüchte, Black-Crust-Pizza, Lammeintopf. Pizza mit schwarzem Teig klingt nach Konzept-Restaurant, schmeckt aber, als hätten die Isländer ihn erfunden, weil normaler Teig zu langweilig wäre.

03 12. August 2023

Jökulsárlón & Diamond Beach

Am 12. August Abfahrt nach Eiðar — und auf dem Weg der Stopp, der alles färbt: Jökulsárlón. Eisbrocken aus dem Gletschersee schwimmen über die Lagune ans schwarze Meer und stranden — manchmal kopfgross, manchmal so gross wie ein Auto, alle in einem Türkis, das man Photoshop unterstellen könnte. Robben gucken aus der Lagune zu, was die Touristen gerade so machen.

Direkt nebenan der Diamond Beach: derselbe Strand, dieselben Eisbrocken, aber jetzt als Schmuckstücke auf schwarzem Sand drapiert. Sarah wird kurz davor noch von einer Welle überrascht und ist total nass. Eine halbe Stunde später, vor demselben Strand und denselben Eisbrocken, ein Heiratsantrag. „She said yes." Die Reise davor und danach hat eine andere Farbe bekommen.

04 12.–13. August 2023

Eiðar — Hostel & Apartments

Eiðar im Osten: Hostel & Apartments in einem alten Schulgebäude, ruhig, einfach, mitten im Nichts. Eine Nacht reicht — wir sind hier fast alleine.

Am Tag dazwischen: Hengifoss mit seinen roten Lavaschichten, 128 Meter hoch. Stuðlagil-Canyon mit Basaltsäulen, die wie Buntstift-Bündel im Boden stecken. Schöne Landschaft, Wasserfälle, Schluchten, Basaltfelsen — der Osten ist Islands ruhige Seite.

05 13.–16. August 2023

Akureyri — Norden & Húsavík

Der Weg weiter durch die Berge ist nicht ganz so cool: Nebelberge mit einem Meter Sicht, dazu Schotterpiste. Dann durchs Hverarönd-Gebiet — Geothermen überall, Rauch und Schwefel in der Luft, der Boden brodelt, blubbert, zischt. Goðafoss am Wegrand: der Götterwasserfall, in den man im Jahr 1000 die heidnischen Götterbilder warf, als Island offiziell zum Christentum konvertierte.

Akureyri, Hauptstadt des Nordens, knapp 19'000 Einwohner. Drei Nächte in einer Airbnb-Wohnung. Schöne geothermale Region, super Essen, viel Natur. Mývatn am nächsten Tag: ein Vulkansee mit Pseudokratern, brodelnden Schlammlöchern, der Lavahöhle Grjótagjá (38 Grad warmes Wasser, Game-of-Thrones-Fans wissen, was hier gedreht wurde) und am Abend die Mývatn Nature Baths — die ehrlichere, weniger Instagram-polierte Schwester der Blauen Lagune.

Am 14. August Walbeobachtung mit North Sailing in Húsavík, eine Stunde nördlich. Buckelwale tauchen so nah am Boot auf, dass uns Wasser ins Gesicht spritzt. Danach das Geosea-Thermalbad mit Blick aufs Meer — heisses Wasser auf der einen Seite, kalter Atlantik auf der anderen, dazwischen wir und der Eindruck, dass das eigentlich die natürlichste Form von Wellness ist.

06 16.–17. August 2023

Reykjavík — Stadt & Sky Lagoon

Am 16. August zurück nach Reykjavík. Zwischenstopp am Kolugljúfur Canyon — Wasserfall in einer kleinen Schlucht, kaum jemand da. Endlich Stadt, eine Nacht in einer Airbnb-Wohnung mitten in 101 Reykjavík. Hot Dog beim weltbekannten Bæjarins Beztu Pylsur — angeblich der beste Islands. Stimmt, glauben wir. Hallgrímskirkja, shoppen, Souvenirs, Essen, Stadt erkunden.

Heisse Quellen sind in Island weniger eine Aktivität als ein Lebensstil. Sky Lagoon zum Abschluss: ein 7-Schritte-Ritual mit Sauna, Eisbad und einer Infinity-Edge über dem Atlantik bei Sonnenuntergang. Wir bleiben so lange, bis der Bademeister freundlich aber bestimmt schliesst.

Zurück in der Schweiz ist alles grün, warm und unspektakulär — ein wohltuender Gegensatz zu zwölf Tagen, in denen jeder Horizont aussah, als hätte ihn jemand komponiert.

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